Mittwoch, 2. August 2006
Infosphäre

Meine Person im Cyberspace, hier als der so genannte Blogger Epiphanius, besteht aus Informationsmustern, die ich aus der Schriftsprache kreiere. Diese Muster werden von einer dynamischen Datenverarbeitung quasi sozialisiert; es ist das Blogsystem, welches den prinzipiell weltweiten Zugriff darauf und die Vernetzung in einem Freundeskreis der sich Lesenden und Kommentierenden ermöglicht.

Diese Textfiguren sind ein Spiel mit den Bedeutungen, den Anklängen, den Resonanzen und Dissonanzen unseres Geistes, der wieder aus unseren sozialen Verhältnissen entspringt, darin mutiert, sich wandelt. Die Sprachen sind ja wir wir selbst, lebendige Welten; sie sind ein Agens unseres Wandels; ein Code mit dem wir Einfluss nehmen und beeinflußt werden.

Ich lebe allein, quasi in der Wildnis; in einer Hütte, die in einem bewaldeten Teil des niedersächsischen Flachlandes steht; hier nun auch diesen Anschluss an den Informationsraum zu haben ist mir eine wertvolle Entwicklung.

Meine Wissbegier findet an diesen digitalen Gestaden eine bislang nicht gekannte Zufriedenstellung. Ich denke immer wieder daran, was dies doch für ein Quantensprung im Bereich des Lernens, Verstehens und Arbeitens ist, insbesondere für die jungen Menschen, die nun mit diesen Möglichkeiten aufwachsen.

Es gilt aber auch hier, das rechte Maß zu finden. Die Infosphäre kann auch zerstreuen; den Geist nur noch in Informationspartikeln erscheinen lassen; in so starkem Masse, dass er seine Ganzheit, seine Integrität, seine fundamentale Leere vergißt und daran nun auch auf höchstem Niveau zu verdummen droht.

Die Entwicklung wird wahrscheinlich dahin gehen, dass wir den Netzzugang immer in der Tasche tragen, wie heute schon das Handy; und was jetzt unser Fenster in diese Welt, unser Monitor ist, das wird vielleicht die Brille mit dem etwas dickeren Bügel sein, der uns das Bild darin einspiegelt; die Navigation, das Bedienen der Maus wird abgelöst von detektiertem Blick und Wort.

Die Infosphäre und unsere virtuelle Kommunikationsgemeinschaft wird also immer und überall mit uns sein. Auf einer Wanderung finden wir die Informationen zu der Ruine vor uns anhand der GPS Koordinaten, dazu lesen und ergänzen wir womöglich den Beitrag der Wikipedia; oder, bei einer Pause auf der Bank im Wald zitieren wir uns aus den Werken Eichendorffs, wie wir sie im Gutenberprojekt finden. Es ist ein neuer Kosmos, den wir da betreten, ein Neuland in dem es noch unendlich viel zu entdecken und zu gestalten gibt; es ist der Prozess, der die reale Welt mit einer digitalen Informationswelt durchdringt; schon jetzt speisen unsere Augen und Ohren durch sie im Orbit der Satelliten und der Netze rund um die Welt.

Diese Informationssphäre ist in Aspekten auch so, wie schon Douglas Adams in seinem Werk „Per Anhalter durch die Galaxis“ den Reiseführer beschrieb, darauf die Worte stehen Don't Panic!

Wollen wir das? Wollen wir dieses totale Infotainment? Fast alle Menschen tragen schon das Handy in der Tasche; es ist heute schon vielfach internetfähig.

In der Geschichte der Menschheit, in ihrer zivilisatorischen Entwicklung, in ihrer Memesis, sind die großen Meilensteine das Wort, die Entzifferung der Gestirne, die Schrift, das Geld, das Buch, die Technik, die Wissenschaft und der Computer.

Futurologisch wie real sind wir schon der Cyborg, diese Symbiose des Menschen mit den Maschinen und der Technik.

Ich verstehe den Begriff Cyborg in einem weiteren Sinne, ähnlich wie Walther Christoph Zimmerli, schon als die Verquickung der Zivilisation mit Technik und Maschinen. Unsere Kultur ist darin mittlerweile so stark verschränkt dass man durchaus von einer Symbiose mit der nicht organischen Welt reden kann. Die wirklich inkorpurierte Technik beschränkt sich bislang noch auf Dinge wie Schrittmacher und Endoprothesen. In diesem strengen Sinne ist der Cyborg aber noch irrelevant. Der erweiterte Cyborgbegriff ist viel brisanter, wenn wir uns das ein wenig vor Augen führen. Sloterdijk spricht dazu vom Verwöhnungsfaktor Maschinen; wieviel schwere Arbeit wird uns von ihnen abgenommen und wäre ohne sie oft garnicht zu bewältigen. Die Verbrennungsmotoren und die Elektrifizierung; unser Einlassen auf den motorisierten Verkehr und Transport. Mit der Informationstechnologie, der Datenverarbeitung, den Softwareprogrammen, der Fuzzi-Logik, der künstlichen Intelligenz der Computer ist uns die unbelebte Materie nun zum dienstbaren Roboter geworden der unsere Arbeit tut. Das sind gewaltige nichtbiologische Kräfte auf denen unsere Zivilisation fusst und mit denen sie den Planeten überwuchert. Ein Großteil unserer schulischen und beruflichen Ausbildung dreht sich um die Fertigkeiten zur immer größeren Beherrschung und Indienstnahme der unbelebten Natur; in jüngster Zeit auch massiv um die Manipulation der Biosphäre einschließlich des Menschen selbst. Die alltäglich Nutzung dieser Kraft- Leistungs- Beschleunigungs- und Informationsextensionen oder -Prothesen verändert auch den Menschen in Verhalten und Konstitution.

Als solche Cyborgs also reiten wir heute auf Raketen, kreisen im Weltall um den Globus, spähen mit Hubble zurück zum Anbeginn des Kosmos.

Wes Geistes Kind sind wir heute ... wessen werden wir es sein? Der fundamentalistisch Enthaltsame mit seinem Gott, oder der fundamental Verführte; das fundamental in der chaotischen Irre der angepassten Orientierungslosigkeit treibende und gelenkte Massenpartikel Mensch mit einer Spiritualität auf Knopfdruck und mit Pille ... dessen Begeisterung die Entgeistigung bedeutet?

Ich zeichne da ein Extrem, dass mir gleichwohl oft so erscheint. Für mich leben tatsächlich groß Teile der Menschen ohne echte Eigenorientierung, ohne wirklich persönliche Koordinaten; sie leben quasi als Partikelschwärme und sind in hohem Masse an externe Wertefelder korreliert; in der Hauptsache darum bemüht sich anzupassen und die Erwartungen an sich zu erfüllen. In einer medial gleichgeschaltete Massenkult treibt so ein kompensatorischer Differenzierungskult an den Oberflächen die buntesten Lifestyleblüten heraus.

Der Herr und Meister der Memesis, der, der heute darin lebt und Abstand wahrt, der nicht verführte, nüchterne, sinnvolle, intelligente User wird das neue Medium schätzen; natürlich, auch in dieser Sphäre gilt es wachsam zu sein; zahlreich sind auch hier die Bedrohungen und Finsterreiche.

Die Infosphäre wie die reale Welt ist ohne Meisterschaft Bedrohung, Auflösung, geistiger Tod und Zombisphäre.

Wie aber findet der Mensch zu sich? Wie bleibt er bei sich? Wie kann er den baalschen Verführungen entgehen? Die Frage wie die Antwort ist vermutlich so alt wie der Mensch; sie fällt in den Bereich der Religionskultur und ihrer Prinzipien ebenso wie in den der Ethik und des Rechts.

Lieber Netcitizen, lieber Netzbruder am Fenster deiner Infosphäre, am Fenster zum globalen Wort, ... dir und dem Menschen an sich bist du auch näher, wenn Du sprichst. Es ist wie eine Art von Erwachen aus der Hypnose der stillen Schriftrezeption, wenn Du diese Worte mit der Lautkraft deines Körpers kleidest ... sprich ... sie also sprichst.

Das Leuchtfeuer des Erwachens zur und aus der Infosphäre ist das lebendige Wort, das gesprochene Wort.

Und schließlich, da ist das gemeinsame Mahl, unser täglich Brot, vielleicht die Arbeit und der Haushalt; der Regen, der uns näßt; die Sonne, die uns schwitzen läßt; die Katze die uns schnurrt; die Natur die uns mit ihrer Grüne atmet und mit ihrer Bläue tränkt; die Liebe dazu, sei hier einmal der ultimative Algorithmus unserer Wetware zum Darüber Hinaus!

FAZ: Blogger: Kreative Selbstdarsteller

DLF Online oder nicht Der (N)Onliner Atlas 2006

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