Mittwoch, 20. September 2006
Weltsimulation
Der intellektuelle Mensch ist jemand, der sich mit seinem Intellekt identifiziert; genauer, er identifiziert sich mit der Sicht seiner Verstandesfunktionen auf die Welt und sich selbst.

Dem tätigen Mensch bleibt im Alltag nicht viel Zeit solchem Reflektieren nachzugehen. Er ist in seinem Funktionieren auf eine, sagen wir einmal weitgehend unreflektierte holistische Vernunftfunktion zurückgeworfen und infolge dessen auch häufig nur zu reflektorischem Handeln oder zur funktionell denkenden Tätigkeit auf Teilbereichen fähig.

Das höchste Ideal des Intellektuellen müßte es also sein, vom Alltagsleben suspendiert, vielleicht abseits der Menschheit auf einem Berg in einer Idylle und in einer dem Geist förderlichen Askese seinem Denken nachkommen zu können. Wir simulieren ihn hier nun kurz einmal.

Der weniger inspirierte Geist wird sich dazu noch in dieser Idylle eine große Bibliothek wünschen.

Der mehr soziale Intellektuelle wird sich einen Kreis von Schülern schaffen, eine Schule der geistigen Weltdurchdringung gründen.

Hauptziel dieses Denkers müßte es natürlich idealerweise sein, in völliger Zweckfreiheit die Erkenntnissuche betreiben zu können.

Ein Charakteristikum dieser Weltreflektion ist ihm hier, dass sie ein aktives, kreatives Moment darstellt; so zu sagen, dass es ein schöpferischer Akt ist, über ein Objekt seines Interesses nachzudenken und zu reflektieren.

Er stellt Hypothesen auf und verifiziert oder falsifiziert sie.

Er erschafft eine Sinnwelt der Zusammenhänge und kodiert sie in Worten und Zeichen.

Er forscht und findet.

Idealerweise läßt er sich in seiner Arbeit von den eventuell entdeckten Funktions- und Manipulationsmöglichkeiten an der Welt nicht verführen.

Er schafft logische Systeme. Er entdeckt und formuliert Gesetzmäßigkeiten der Welt.

Er erlebt in seiner Arbeit die Schau der Welt in seinem intellektuellen Vermögen.

Sein Geist wächst dabei enorm; er differenziert sich in immer neuen Variationen.

Er erkennt, dass seine intellektuelle Weltsicht immer nur einen begrenzten Ausschnitt eines offensichtlich unendlich großen Kosmos der Erkenntnismöglichkeiten repräsentieren kann.

Er erkennt, dass er auf unendlich vielen Gebieten differenzierend in die Tiefe Blicken kann. Er erkennt, dass er keine auf allen Gebieten gemeinschaftlichen Gesetzmäßigkeiten und Prinzipien finden kann. Er erkennt dass die einzigen vereinigenden Prinzipen der Welt, die Prinzipien seines Geistes selbst sind und dass ihm diese nur aufscheinen, wenn er seinen Geist zur Ruhe bringt.

Er abstrahiert sich auf eine höhere Ebene von ihm vermeintlich größerer Wichtigkeit.

Er fragt sich, was sind die größten Fragen der Menschheit? Die größten Herausforderungen des Denkens?

Er fragt sich, was ist der Mensch, was sind seine Ziele? Warum existiert er? Woher kommt er? Warum spricht er von einem Gott, der ihn erschaffen hat? Er selbst ist ja in seinem Denken noch nicht auf Gott gestoßen.

Er Überlegt und sinnt und grübelt und greift zu einer Tasse grünen Tees.

Ja, denkt er, er hat immer nur Systeme, Funktionen, Entwickungen gesehen; die biologische Welt in einer sich selbst reproduzierenden Evolution im Wettlauf um ein Überleben erkannt.

Er hat die Welt des Menschen in einer Sonderevolution der kulturellen Abgrenzung zu einer ihm geistlosen Biosphäre erkannt.

Er hat erkannt, dass sein Denkvermögen ein Produkt dieser kulturellen Sonderevolution dieser Menschheit ist und dass das, was die ihm Nichtintellektuellen Menschen darin den substanzlosen Gott nennen, nur hier zu finden ist.

Er findet, dass das, was die Menschen Gott nennen, nach ihrem Glauben, ihnen die Gesetze des Gemeinschaftslebens gestiftet hat.

Er sieht, gegenüber dem geistlosen Wettlauf um ein Überleben in der Natur, gibt es unter den Menschen nun ganz andere Verhaltensmuster.

Er erkennt, das Religionen dem Menschen Geschichten erzählen. Geschichten, wie die Welt entstanden ist. Geschichten, in denen ein großer allmächtiger Schöpfergott die Welt und den Menschen gottgleich gemacht hat. Das dieser Schöpfergott den Menschen Gesetze gestiftet hat, nach denen sie ein ihm gefälliges Leben führen sollen und das sie nach ihrem Tode nicht wirklich sterben, sondern, wenn sie richtig gelebt haben, ein ewiges Leben in Ihm geschenkt bekommen; andernfalls die Sünder aber in jedem Fall immer eine Hölle der Qualen erwartet.

Er erkennt, das dieses Gottes Gesetze und Gebote ein friedvolles, liebevolles, gemeinschaftliches Leben für den Menschen stiften wollen. Ein leben, dass dem Wettkampf um das Leben seine Härten nehmen will. Ein Leben, dass dem Tod des Menschen seine Härte nehmen will. Ein machtvolleres Leben in einer geschwisterlichen Gemeinschaft der Liebe, der Aufrichtigkeit, der Fürsorge, des Teilens, der Gerechtigkeit und des Trostes in einem Reich ihres Gottes.

Er erkennt, dass dies im Prinzip von diesem Gott so intendiert ist, aber da trotz seiner Höllendrohungen, doch noch immer eine Menge falsch läuft.

Er erkennt, dass ja der Mensch auch einen eigenen Willen hat, mit dem er den von Gott gestifteten Regularien zuwider handeln kann.

Er erkennt in seinem luziden Geist, dass dieser Gott und seine Gebote theoretisch für das Leben der Menschgemeinschaft durchaus einen großen Sinn hat.

Er erkennt, dass der eine Teil der Menschen sich nicht um diesen Gott schert; auch, das verschieden Kulturen offenbar verschiedene Götter und ihren verschiedenen Geboten folgen; ja, sogar, dass die verschieden Gemeinschaften der Gotteskinder sich gegenseitig bekriegen.

Hier sieht er nun, dass das eigentlich Gute der Götterstiftungen sich nun wieder in eine großes Negativum verkehrt.

Das die Sphären des entspannteren Gemeinschaftslebens, der kooperativen Bewältigung der Beschwernisse der Existenz des Menschen, des von Gott gestifteten Friedens der Gemeinschaft, sich hier zu einem großem Unfrieden gegen eine andere Friedensgemeinschaft wendet.

Er erkennt, das diese Religionsgemeinschaften von Menschen regiert werden, die sich als Stellvertreter ihres Gottes ausgeben und diese Gemeinschaft als ihren höherwertigen Machtbereich verstehen und gegen andere Gemeinschaften abgrenzen.

Er erkennt, die Sinnwidrigkeit dieser Entwicklungen.

Er erkennt, dass es neben den von Gott gestifteten Gesetzen auch vom Menschen selbst erdachte Regularien der Staatswesen gibt. Auch diesen kann er eine friedensstiftende und Gemeinschaftsfördernde Funktion zuerkennen. Hier regiert nicht Gottgesetz sondern das Staatsrecht und seine Regulationsmacht, oft aber auch beide zugleich. Auch hier erkennt er, das die verschiedenen Staatssysteme des inneren Friedens sich immer wieder im Unfrieden eines Krieges gegen andere Staaten wenden.

Er erkennt, das diese Staatswesen eine große kulturelle Blütezeit erleben und wieder ersterben. Das diese Kulturinseln irgendwie satt und fett und träge werden und von anderen, aktiveren Kulturinseln vereinnamt werden.

Er erkennt, dass in diesen Kriegen der Kulturen viele neue Entwicklungen passieren.

Er erkennt, dass auf der Ebene dieser Staats- und Religionsgemeinschaften, ganz ähnlich wie in der geistlosen Natur wieder ein Wettkampf um das Überleben stattfindet; jedoch, ein Rivalisieren, wie es sich in der Natur nicht findet; hier bringt sich das Geschöpf innerhalb der Spezie massenhaft gegenseitig um.

Er erkennt, dass diese Sonderevolution der Kulturen der Menschgemeinschaften eine ungeheure Dynamik entwickeln; dass sie nicht nur immer schlimmere Kriege gegeneinander führen, sondern auch die Welt geradezu umgestalten; dass da unglaubliche Dinge geschehen.

So die Menschen darin nun in Flugzeugen um die Welt fliegen; in Raumfahrzeugen auf dem Mond landen; einen globalen Handel betreiben; mit Atombomben auf einen Schlag hunderttausende von Artgenossen umbringen; dass auf dem einen Kontinent jeder in einem Auto durch die Welt fährt und auf einem anderen Kontinent die Menschen zu 100 000 des Hungers sterben.

Er erkennt, das die Menschheit in ihrer stürmischen Entwicklungsdynamik der Natur und dem ökologischen Gleichgewicht auf ihrem Globus schwere Schäden zufügt.

Mittlerweile wird es unserem simulierten Intellektuellen in seiner Denkidylle mulmig zumute. Er fühlt nun doch in seiner Suspendiertheit den Drang in das Geschehen helfend eingreifen zu wollen. Er geht unruhig auf und ab und sagt sich, wenn das so weiter geht, kommen wir in kurzer Zeit ja alle um. Das ist ja entsetzlich, was hier passiert. Er fragt sich, was ist da zu tun, was ist da von Nöten, wie kann die Menschheit vor ihrem sicheren Untergang errettet werden?

Er erinnert sich, dass er sich ja eigentlich der Untätigkeit und Zweckfreiheit verpflichtet hat. Er verfällt in eine tiefe lange Traurigkeit und Depression. Es tut ihm leid um die Menschheit und nun sucht er für sie im Geiste doch nach neuen Wegen.

Schließlich überkommt ihn eine erlösende Vision und er rafft sich auf. Er denkt, ja, es geht gar nicht anders, man muss den beschränkten Inselintelligenten da unten ein gewaltiges Zeichen zur Umkehr setzten. Am besten etwa so: Ihnen effektvoll sagen, hier ist Euer allgewaltiger einer Gott euer aller Religionen, vertragt Euch, respektiert euch, gedenkt des Gebots der Liebe, hütet und Pflegt euren Globus, schafft Gerechtigkeit lebt nach meinen Geboten, lebt das Reich eures Gottes sonst seid ihr dem nahen Untergang geweiht.

Da geschehen auf einmal seltsame Dinge in der Welt. Der Gott der Menschheit setzt seinen Völkern ein gewaltiges Zeichen der Umkehr. Die Erde bebt, die Sonne blinkt im Morsecode, in allen Medien der Menschen spricht die Stimme Gottes gleich einem tosenden Wasserfall.

Unser suspendierter Intellektueller reibt sich ungläubig die Augen und denkt, ja, so etwa dachte ich, sollte es sein. Es überkommt ihn eine Schauer, sein Körper zitterte, in einer Vision schaute er Gott und fällt in tiefer Demut und Dankbarkeit zu Boden.

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