Mittwoch, 20. September 2006
Diskussion zur Papst-Vorlesung V 0.8
Nachfolgend die von mir als Kernaussagen charaterisierten Punkte der Vorlesung des Papstes mit erläuternden Hyperlinks und einigen wenigen laienhaften Anmerkungen von mir. Zur Erleichterung einer allgemeinen Diskussion habe ich eine Strukturierung vorgenommen. Papstreden sind numerisch, meine Anmerkungen sind alphabetisch gekennzeichnet. Der Originaltext der Vorlesung findet sich über den Link im letzten Artikel.

1) Der Glaube ist Frucht der Seele, nicht des Körpers. Wer also jemanden zum Glauben führen will, braucht die Fähigkeit zur guten Rede und ein rechtes Denken, nicht aber Gewalt und Drohung ...

2) Der entscheidende Satz in dieser Argumentation gegen Bekehrung durch Gewalt lautet: Nicht vernunftgemäß handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider.

3) Für die moslemische Lehre hingegen ist Gott absolut transzendent. Sein Wille ist an keine unserer Kategorien gebunden und sei es die der Vernünftigkeit.

4) Ist es nur griechisch zu glauben, daß vernunftwidrig zu handeln dem Wesen Gottes zuwider ist, oder gilt das immer und in sich selbst?

5) Den ersten Vers der Genesis abwandelnd, hat Johannes den Prolog seines Evangeliums mit dem Wort eröffnet: Im Anfang war der Logos. Dies ist genau das Wort, das der Kaiser gebraucht: Gott handelt mit Logos. Logos ist Vernunft und Wort zugleich – eine Vernunft, die schöpferisch ist und sich mitteilen kann, aber eben als Vernunft.

A) Anmerkg.: 7 Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. http://www.bibel-online.net/buch/50.philipper/4.html#4,7
Das ist mir eigentlich der Kernsatz der die rechte Antwort für alles hier erörterte enthält.

6) Heute wissen wir, daß die in Alexandrien entstandene griechische Übersetzung des Alten Testaments – die Septuaginta – mehr als eine bloße (vielleicht wenig positiv zu beurteilende) Übersetzung des hebräischen Textes, nämlich ein selbständiger Textzeuge und ein eigener wichtiger Schritt der Offenbarungsgeschichte ist, in dem sich diese Begegnung auf eine Weise realisiert hat, die für die Entstehung des Christentums und seine Verbreitung entscheidende Bedeutung gewann.

7) Die Transzendenz und die Andersheit Gottes werden so weit übersteigert, daß auch unsere Vernunft, unser Sinn für das Wahre und Gute kein wirklicher Spiegel Gottes mehr sind, dessen abgründige Möglichkeiten hinter seinen tatsächlichen Entscheiden für uns ewig unzugänglich und verborgen bleiben.

8) Wenn man diese Begegnung sieht, ist es nicht verwunderlich, daß das Christentum trotz seines Ursprungs und wichtiger Entfaltungen im Orient schließlich seine geschichtlich entscheidende Prägung in Europa gefunden hat. Wir können auch umgekehrt sagen: Diese Begegnung, zu der dann noch das Erbe Roms hinzutritt, hat Europa geschaffen und bleibt die Grundlage dessen, was man mit Recht Europa nennen kann.

B ) Anmerk.: Dies hört sich mir an wie eine historische Rechtfertigung für die Existenz der Römisch Katholischen Kirche. Es ist was ist, weil wir so da waren und sind. Das Europa ja so eine ausgesprochen schwere Geburt und immer noch mehr eine Geburt mit schweren Fehlentwicklungen darstellt fällt hier unter den Tisch.

9) Die Enthellenisierung erscheint zuerst mit den Grundanliegen der Reformation des 16. Jahrhunderts verknüpft. Die Reformatoren sahen sich angesichts der theologischen Schultradition einer ganz von der Philosophie her bestimmten Systematisierung des Glaubens gegenüber, sozusagen einer Fremdbestimmung des Glaubens durch ein nicht aus ihm kommendes Denken.

C) Anmerkg.: Die Reformation ist mir als Laien zwar durch Anderes charakterisiert, aber dieser Diagnose kann ich voll zustimmen; ja, ich bin sogar froh über diese eindeutige, sich mir entlarvende Selbstverortung der Römisch Katholischen Kirche hier.

10) Das Sola Scriptura sucht demgegenüber die reine Urgestalt des Glaubens, wie er im biblischen Wort ursprünglich da ist. Metaphysik erscheint als eine Vorgabe von anderswoher, von der man den Glauben befreien muß, damit er ganz wieder er selber sein könne.

D) Anmerkg.: http://de.wikipedia.org/wiki/Sola_scriptura Mir wichtigster Abschnitt darin: Die Lehre der Römisch-Katholischen Kirche, die in Reaktion auf die Reformation auf dem Tridentiner Konzil ausformuliert wurde, lautet, dass die rechte Auslegung durch das kirchliche Lehramt gesichert werde (Schrift und Tradition), da nach dem katholischen Verständnis nur so das Wirken des Heiligen Geistes als sicher gelten kann (vgl. Joh 14,26). Die Bibel selbst erlangt ihre Autorität nach katholischer Lehre erst durch die Kirche, die ja auch älter ist als die Bibel. „Christus hat eine Kirche gegründet und kein Buch geschrieben“ wie Bernhard Vikari dies etwas bissig und durchaus missverständlich bemerkte. Das kirchliche Lehramt legte den Kanon der Bibel fest, was ebenfalls die Autorität der Kirche über die Bibel zeigt.

11) In einer für die Reformatoren nicht vorhersehbaren Radikalität hat Kant mit seiner Aussage, er habe das Denken beiseite schaffen müssen, um dem Glauben Platz zu machen, aus diesem Programm heraus gehandelt. Er hat dabei den Glauben ausschließlich in der praktischen Vernunft verankert und ihm den Zugang zum Ganzen der Wirklichkeit abgesprochen.

E) Anmerkg.: http://de.wikipedia.org/wiki/Kant
Wobei Kants Zugang zum Ganzen der Wirklichkeit vermutlich die Intellektuellen Weltrepresentationen meint.

12) Die liberale Theologie des 19. und 20. Jahrhunderts brachte eine zweite Welle im Programm der Enthellenisierung mit sich, für die Adolf von Harnack als herausragender Repräsentant steht. In der Zeit, als ich studierte, wie in den frühen Jahren meines akademischen Wirkens war dieses Programm auch in der katholischen Theologie kräftig am Werk. Pascals Unterscheidung zwischen dem Gott der Philosophen und dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs diente als Ausgangspunkt dafür.

F) Anmerkg.: http://de.wikipedia.org/wiki/Adolf_Harnack
http://de.wikipedia.org/wiki/Blaise_Pascal

13) Als Kerngedanke erscheint bei Harnack die Rückkehr zum einfachen Menschen Jesus und zu seiner einfachen Botschaft, die allen Theologisierungen und eben auch Hellenisierungen vorausliege: Diese einfache Botschaft stelle die wirkliche Höhe der religiösen Entwicklung der Menschheit dar.

14) Dabei geht es im Grunde darum, das Christentum wieder mit der modernen Vernunft in Einklang zu bringen, eben indem man es von scheinbar philosophischen und theologischen Elementen wie etwa dem Glauben an die Gottheit Christi und die Dreieinheit Gottes befreie.

15) Wichtig für unsere Überlegungen ist aber noch, daß die Methode als solche die Gottesfrage ausschließt und sie als unwissenschaftliche oder vorwissenschaftliche Frage erscheinen läßt. Damit aber stehen wir vor einer Verkürzung des Radius von Wissenschaft und Vernunft, die in Frage gestellt werden muß.

16) Angesichts der Begegnung mit der Vielheit der Kulturen sagt man heute gern, die Synthese mit dem Griechentum, die sich in der alten Kirche vollzogen habe, sei eine erste Inkulturation des Christlichen gewesen, auf die man die anderen Kulturen nicht festlegen dürfe. Ihr Recht müsse es sein, hinter diese Inkulturation zurückzugehen auf die einfache Botschaft des Neuen Testaments, um sie in ihren Räumen jeweils neu zu inkulturieren. Diese These ist nicht einfach falsch, aber doch vergröbert und ungenau. Denn das Neue Testament ist griechisch geschrieben und trägt in sich selber die Berührung mit dem griechischen Geist, die in der vorangegangenen Entwicklung des Alten Testaments gereift war.

G) Anmerkg.: Diese Begründung halte ich für schwach. Das Wirken und Sprechen Jeshuas war nicht von einer Art, dass sich durch deren Übersetzung in einen bestimmten Sprachraum eine grundlegend neue Sicht darauf bieten müßte; bzw. nur seine Übersetzung ins Griechische seine wahren Dimensionen offenbaren würde.

H) Der Logos, die Vernunft, die Wahrheit und der Gottbegriff sind nicht nur der griechischen Kultur zu eigen. Ich würde es eher als ein Negativum feststellen, dass durch die Berührung mit dem griechischen Geist die metaphysische Differenzierung und Festlegung der Botschaft des Einen lebendigen Geistes erfolgte; anders ausgedrückt, der lebendige Geist wird hier in einer beginnenden Verwissenschaftlichung im Intellekt des Menschen beherrschbar, berechenbar, und streitbar gemacht und so letztendlich in eigentlich nicht erlaubte Bilder übersetzt.

I) Die wenige Metaphysik der biblischen Schriften ist von einer nicht intellektuellen mythologisch mystischen Natur. Da ist die Liebe, der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der Glaube, Gott, das Wort und seine Gesetze, Licht und Finsternis, der heilige Geist, Jesus in der Gemeinschaft der Gläubigen, das Reich Gottes.

J) Die Berührung mit dem griechischen Geist und seiner Tendenz zu Intellektualität und differenzierter Methaphysik führte zu einer Nachbildung oder einer intellektuellen Abbildung, Begründung und Rechtfertigung des Gottesreiches, zu einer strukturalen Verbegrifflichung davon.

K) Nun ist es mir aber eine Binsenweisheit, dass der Intellekt weder für eine Selbstbild des Menschen, noch für ein Gottesbild brauchbar ist, er ist ein Werkzeug des Verstehens und Strukturierens. Gott und Mensch sind immer Jenseits dieser Intellektstrukturen.

L) Deshalb ist es ja auch nicht verwunderlich, dass die Intellektuellen, das sind die Menschen, die sich mit ihrem Intellekt und seiner Sicht identifizieren, darin keinen Gott und sich selbst nur als Illusion finden ... und so oft zu Atheisten werden.

17) In der westlichen Welt herrscht weithin die Meinung, allein die positivistische Vernunft und die ihr zugehörigen Formen der Philosophie seien universal. Aber von den tief religiösen Kulturen der Welt wird gerade dieser Ausschluß des Göttlichen aus der Universalität der Vernunft als Verstoß gegen ihre innersten Überzeugungen angesehen. Eine Vernunft, die dem Göttlichen gegenüber taub ist und Religion in den Bereich der Subkulturen abdrängt, ist unfähig zum Dialog der Kulturen.

M) Anmerkg.: Hier möchte ich sagen, dass ja Vernunft auch im Umgangssprachlichen eine so zu sagen höherwertige und im Leben stehende Geistigkeit des Menschen darstellt, die von ihm eben nicht durch eine methaphysische Haltung oder durch intellektuelle Logigsysteme begründet oder abgeleitet wird.

18) Für die Philosophie und in anderer Weise für die Theologie ist das Hören auf die großen Erfahrungen und Einsichten der religiösen Traditionen der Menschheit, besonders aber des christlichen Glaubens, eine Erkenntnisquelle, der sich zu verweigern eine unzulässige Verengung unseres Hörens und Antwortens wäre.

N) Anmerkg.: Richtig, aber hier meine ich sagen zu müssen, das die Theologie wie die Philosophie eben Wissenschaften sind, die mir für das Leben mit Gott untauglich und ohne viel Relevanz erscheinen. Dass das Leben in der Gemeinschaft der Gläubigen in einer Konfession von einer Wissenschaft der Theologie beherrschend bestimmt und strukturiert wird, halte ich schlichtweg für eine sehr bedauerliche Fehlentwicklung.

O) Um auf den Ausgangssatz zurückzukommen:

1) Der Glaube ist Frucht der Seele, nicht des Körpers. Wer also jemanden zum Glauben führen will, braucht die Fähigkeit zur guten Rede und ein rechtes Denken, nicht aber Gewalt und Drohung ...

P) Anmerkg.: Der Intellekt operiert mir auf der Ebene der Körperlichkeit, nicht der Seele. Ein das Glaubensleben bestimmen wollendes erstarrtes theologisches Konstrukt ist mir so gesehen ein nicht rechtes Denken und so auch potentiell ebenso die Ausübung von intellektueller Gewalt und Drohung.

P1) Und nur hierin schließlich wird deutlich, warum die Eine Kirche nicht stattfinden kann. Die intellektuelle Theologie wie der Intellekt überhaupt begreift nicht die Dimension der Einheit, sie haben immer nur die Tendenz zur Differenzierung; insbesondere wenn darin auch noch die Machtkomponenten hineingespiegelt werden.

Q) Der Vernunftbegriff wird hier quasi mit der Römisch Katholischen Theologie gleichgesetzt, die aber ist Wissenschaft, Metaphysik und hierarchische Machtstruktur und nicht mit der Vernunft des lebendigen Glaubenslebens gleichzusetzen. Hier kommen die Liebe und der Frieden Gottes eindeutig zu kurz.

R) Hier haben sich mir die Intellektuellen einmal mehr nicht zurückhalten können und die Lebenswelt wiederum in ein inadequates System zu bringen versucht. Solcherart Intellektualismus versklavt den Menschen ja immer wieder.

S) Meine kritischen Anmerkungen bedürfen jedoch den Hinweis darauf, dass ich durchaus sehe, dass trotz der mir entarteten Metastrukturen auch in der Römisch Katholischen Kirche an der Basis, in den Gemeinden, vielfach ein lebendiges genuines Glaubensleben stattfindet.

T) Das Projekt einer vereinheitlichten Metaphysik der Mythologien aller Glaubensrichtungen, das wäre mir eine anspruchsvolle Spielwiese einer nicht konfessionsgebundenen Theologie, bei dem viel über Gott und den Menschen zu lernen wäre; hier lägen die Grundlagen zu Verortung, Respekt und die gegenseitige Legitimierung; und vor allem, sie wäre eine Basis für die ja vielfach einsehbare Notwendigkeit zur Reformation der Religionen des Glaubenslebens in den Kulturen.

U) Die Inkulturationen Gottes sind ja nicht nur von großer Vielfalt sondern auch von systemischen, menschlichen Fehlern geprägt.

V) Im Zeitalter der Globalisierung ist die Notwendigkeit der kulturellen Harmonisierung nötiger denn je. Die Globalisierung findet ja gegenwärtig eher nur auf einer subkulturellen, ökonomisch, materialistischen, technisch rationalistischen Eben statt und ist bestimmt vom Wettkampf der Wirtschaften und der politischen Systeme; das ist im Grunde ein immer gerade noch gezügelter Weltkrieg. Religion steht in der Pflicht zur Legitimierung, die Weltstaatengemeinschaft steht in der Pflicht zur Legitimierung, die Wirtschaft steht in der Pflicht zur Legitimierung in einer globalen ökologischen und sozialen Verantwortung. Die Menschheit steht in der Pflicht zur Legitimierung in der Inkulturation ihrer Gottnatur, ohne sie wissen wir nicht, wo es lang geht; da strampeln wir uns ab auf dem Weg in die Abgründe.

Vom Kreuz mit der Kritik

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