Freitag, 25. August 2006
Was ist die Realität?


Was ist die Realität?

von Epiphanius
Die nachfolgenden Betrachtungen sind meine dilettant spekulativen Annäherungen an ein Verständnisfeld um die Begriffe Realität, Erleben, Welt und Spiritualität; sie dienen mir der Klärung und Orientierung. Sie erwuchsen aus dem mitgeteilten Wissen anderer Menschen, meiner individuellen Verarbeitung und aus meinen Erfahrungen.

Es gibt zu diesem Thema wahrscheinlich meterlange Bücherregalwände zu durchstöbern. Mein Ansatz hier ist jedoch ein kreativ konstruktiver und zugleich reduktionistischer. Also, das Reduzieren einer sehr komplexen Thematik auf wenige, mir plausibel, wichtig und zusammengehörig erscheinende Aussagen und Gedanken. Auf einer solchen Ebene fällt es mir leicht unorthodoxe Verknüpfungen zu erstellen und auf eher einsame Gelände zu verzweigen. Dieser kurze Essay ist denn auch mehr eine persönliche mentale Kartierung zu Reizworten und Symbolen, denn ein Versuch zur objektiven Bearbeitung.

Meine Aussagen sind auch nicht auf Gültigkeit oder Übereinstimmung mit den betroffenen wissenschaftlichen oder konfessionellen Feldern abgeklopft und höchstwahrscheinlich nicht konform; am besten also als Kunstproduktion zu betrachten.

Diesen subjektiven Stand zu teilen und mit dem sich angesprochen Fühlenden zu diskutieren, ist mir eine Freude, zumal wir uns auch in einer Raumzeit finden, in der uns weder die Verbrennung noch die Steinigung für Dergleichen droht.

Ja, die Realität, das ist für mich zuerst einmal ganz platt meine Wahrnehmung, meine Gedanken, meine Gefühle und mein Erleben.

Alle Drei genannten sind variierende Mentalfunktionen; um sie überhaupt zu erfassen, müssen sie in das Bewußtsein treten; das wiederum ist mal hell mal dunkel; mal im Kopf, mal im Herzen, mal im Bauch und mal in der Hose zentriert; sprich, es kann kühl und distanziert analytisch, melancholisch, herzlich, ängstlich, überschwänglich, begeistert, flatterhaft, ergreifend, ruhig, warm und kraftvoll, glühend, feurig, und leidenschaftlich brennen.

Auf jeder der Bewußtseinsebenen denkt, fühlt und erlebt der Mensch qualitativ anders.

So ist das Bewußtsein in der Hose das Leben der Geschlechter. Da regieren die Triebhaftigkeit, der Egoismus, die Körperlichkeit, das Selbstbild von Mann und Frau, der Sex, die Fortpflanzung, die Familie, die Bodenständigkeit, die materielle Existenzsicherung, die Konkurrenz, das Imponiergehabe, der Nestbau, die Revierverteidigung und die Sicherheit.

Dies ist wohl die dominierende Lokalisation des Bewußtseins in unserer Gesellschaft.

Alle Religion kann in dieser Sichtweise als ein Versuch der Befreiung des Bewußtseins von den niederen Ebenen hin zu den höheren betrachtet werden; vielleicht auch als eine Dynamisierung oder Mobilisierung des Bewußtseins hin zum Erleben der anderen Ebenen, hin zum großen, weiten, brüderlichen Herzen.

Spiritualität ist mir also das Erleben der höheren Ebenen. Das Christentum wäre hier wohl als eine Religion des Herzens einzuordnen. Der Buddhismus geht darüber hinaus, er ist mir im Kopf lokalisiert; jedoch, er kennt und lebt auch sämtliche anderen Ebenen. Ich meine hier insbesondere den tibetischen Zweig mit seiner Durchleuchtung, mythologischen Ausdeutung und yogistischen Praktizierung dieser Bewußsteinslokalisationen. Die christlichen Kirchen mögen sich teilweise ebenfalls auf unterschiedlichen Regionen des Körpers abbilden lassen; haben meines Wissens aber keine Metaphysik diese Zuordnung.

Soweit der mir wichtigste spirituelle Aspekt der Realitäten oder Welten. Nun zur allgemeineren Betrachtung.

Da wir alle mit einer weitestgehend übereinstimmenden genetischen Disposition ausgestattet sind und eine Sozialisation erfahren, also mit anderen Menschen aufwachsen und lernen, auch ähnliche Erfahrungen machen, über die wir uns mit unserer Sprache austauschen, kommt es dazu, das wir über weite Gebiete zu einer gewissen Festigkeit über Eigenschaften und Verhältnisse unserer Welt finden; soweit sogar, dass wir viele Bereiche der Realität als etwas Objektives anerkennen; auch weitgehend darüber übereinkommen, was als Irrelevant, Dumm, Phantastisch, Spinnerei, Gut und Böse und als Schädlich zu betrachten ist. Wir können nur in einer so komplexen Welt leben und arbeiten, weil wir uns über viele Bereiche des Lebens einig sind. Das Reale und das Wirkliche ist also in weiten Gebieten ein relativer Konsens in der Zeit.

Auch diese Konsensrealität verändert sich. Die Katalysatoren dieser Veränderungen sind das Denken und die Sprache. In heutiger Zeit ist dieser Katalysator durch die Massenmedien und den exponentiell anwachsenden wissenschaftlichen und technischen Auswurf so zu sagen eine hoch reaktive, kritische, ja revolutionäre Zone des beschleunigten Informationsumsatzes geworden.

Hier spielt nun die Verarbeitung dieser Information eine große Rolle. Damit einher geht auch eine nun nötige Differenzierung mentaler Prozesse. Die Aufmerksamkeit, das Denken, die Intuition, die Intelligenz, die Kreativität, das Erinnern und das Lernen sind hier wohl als die wichtigsten zu nennen.

Unser Bewußtsein ist auf den verschiedenen Ebenen mythologisch geprägt. Das, was an Information heute auf uns einprasselt ist, wenn es nicht gerade Musik, der Gottesdienst oder der Spielfilm ist, nicht mythologischer Natur. Hier meine ich Realpolitik, Wissenschaften, Tagesereignisse, und den industriell geprägten Alltag. Dieser Bereich ist nun so dominant geworden, dass wir ihn unter dem Begriff der Entfremdung charakterisiert haben. Wir schaffen es nicht mehr ausreichend unser Erleben auf dem mythologischen Bewußtsein abzubilden. Die Folgen sind eine Teilung in Atheismus, Realismus, Rationalismus, Intellektualismus, Materialismus, Egoismus, Aufklärung und Säkularisierung auf der einen Seite und Religiosität, Mystizismus, Irrationalität, Archaiismus und Gottesstaat auf der anderen Seite. Schon das Ungleichgewicht der Typisierungsbegriffe deutet mir an, wie weit sich unser Leben von seinen Grundlagen entfernt hat. Hier erscheint mir auch die nun aufbrechende Konfliktzone zur islamistischen Welt lokalisierbar. Sie ist, reduziert betrachtet, der Konflikt mythologisches Bewußtsein versus rationalistisches Bewußtsein; die geschöpfliche Menschlichkeit versus der entkernten Menschlichkeit.

Hierin wird auch deutlich, welches ungeheure Potential im Menschen freigesetzt werden kann, wenn er mythologisch konditioniert wird. Ich denke hier zum einen an die deutsche Vergangenheit des Dritten Reiches und zum anderen an die Selbstaufopferung der Suizidbomber der islamischen Fundamentalisten.

An diesem Punkt erwächst für mich daraus die Forderung nach einer aufgeklärten Remythologisierung der Gesellschaft; deren falsche Götter müssen an die Kandare, das heißt, sie müssen in den Dienst des Menschen und der Menschlichkeit treten. Die Religionen dürfen nicht ignoriert werden. Ihre Botschaft betrifft die Essenz des Menschseins.

Nun noch einige Schlußfolgerungen.
Der denkende Mensch kann sich von der Konsensrealität entfernen und sie in einem anderen Licht sehen. Der religiöse Mensch sieht sie geprägt vom Licht seiner Glaubensgemeinschaft. Für den materialistischen Menschen ist die Realität geprägt von der hohen Bedeutung, der er dem Besitz und der Sicherung seines Besitzes bemißt.

Wer viel vor dem Fernseher sitzt, überflutet möglicherweise sein gesundes Realitätsempfinden zu sehr mit einer künstlichen, virtuellen Welt; er schwächt seine Person damit.

Der meditierende Mensch relativiert sein Realitätsverständnis und - Erleben; je nach Art der Meditation sieht er die Welt nun in einem ursprünglicheren, essentielleren und helleren oder auch höheren Licht; er erweitert und schärft so seine Wahrnehmung.

Wer sagt, ›das ist mein‹; wer sich mit Besitz identifiziert, wer Teile der Welt zu erlangen strebt, wer sich ein Selbstbild schafft und sagt ›das bin ich, das bin ich nicht‹, der reduziert sich auf eine kleinere Welt, auf eine Privatheit ...
dessen Herz ist gebunden an die zu erstrebenden, zu besitzenden, zu handhabenden und zu verteidigenden Dinge; an die Vorstellungen, die er sich von sich macht, an seinen Lifestyle, an seine eigene und womöglich egoistische und dünkelhafte Welt; dessen Realität ist geprägt von einem Gefühl der Getrenntheit, von einer Abgeschlossenheit und Sonderheit, um deren illusionäre Fragilität er Ängste leidet.

Wer es schafft, sich nicht in solchen Weisen zu reduzieren, dessen Realität ist das Bewußtsein Teil eines Größeren, einer Weltgemeinschaft, einer universelleren Geschwisterlichkeit zu sein; der bejaht Verantwortlichkeiten, der erhält sich Freiheit ... auch von vielen Ängsten ... und er lebt in einer Realität mit größerer Allgemeingültigkeit, mit mehr Flexibilität und Konsens, in einer Welt mit mehr Liebe; denn, der liebt nicht nur die, die seiner Sonderheiten schmeicheln.

Der Realitätsbegriff in der Wikipedia

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